#FreeInterrail – Die Brücke zwischen der Europäischen Union und ihren Bürgern?

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Die Idee, mit einem kostenlosen Interrail-Zugfahrschein Jugendliche für Europa zu begeistern, schlug national wie international hohe Wellen. Zeit, um das Pilotprojekt zweier Berliner Aktivisten näher unter die Lupe zu nehmen. Wie sieht die Umsetzung genau aus? Ist sie realistisch? Aber vor allem: Vermag sie wirklich die Lücke zwischen den EU-Institutionen und den europäischen Bürgern schließen?

 

Post von Juncker

Man stelle sich einmal vor, am Tag des 18. Geburtstags erwarten einen Jugendlichen nicht nur die lang ersehnte Volljährigkeit und der übliche Geschenkeberg, sondern auch ein Brief der Europäischen Kommission. Der Inhalt wäre nicht nur ein signierter Glückwunschbrief vom Kommissionspräsidenten, sondern auch ein Gutschein für ein Interrailticket. Eine Aufmerksamkeit von der als technokratisch wahrgenommenen Kommission an alle seine jungen EU-Bürger, um Europas Staaten 30 Tage kostenlos zu bereisen. So oder so ähnlich lautet die Idee, welche sich hinter dem Hashtag „FreeInterrail“ verbirgt. „Saving Europe by travelling“, so das Motto der Macher. Free Interrail – eine Idee, zu schön, um wahr zu sein?

 

Der Werdegang einer Idee

Die beiden Aktivisten Martin Speer und Vincent-Immanuel Herr sind die Initiatoren von Free Interrail. Ihre Vision wurde erstmals in einem ZEIT-Artikel im September 2015 vorgestellt. Darin: Hoffnung. Hoffnung, dass eben durch Free Interrail eine Präventivmaßnahme zum Schutz gegen den Trend der Renationalisierung in Europa geschaffen werden könne. Ihr Kernargument, dass nur persönliche Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen einen wirklichen europäischen Zusammenhalt generieren könnten, wird von den Erfahrungen des beliebt zitierten Erasmus-Programms gestützt. Die beiden Macher betonen hierbei, dass das europäische Austauschprogramm lediglich einem Teil junger Europäer zur Verfügung stehe. Free Interrail sei für alle Jugendlichen Europas gedacht – unabhängig von dem finanziellen Hintergrund oder ihrem Bildungsgrad. Der Vorschlag der beiden Berliner wurde seit 2015 nicht nur von verschiedenen Fraktionen des Europäischen Parlaments aufgegriffen, sondern fand auch große Unterstützung in der Zivilgesellschaft. Ihre Online-Petition verfügt inzwischen über stolze 7.500 Unterschriften. Tendenz steigend. Aber so attraktiv der Traum einer europäischen Integration per Zugfahrt klingt, ist er überhaupt realistisch?

 

Der Traum vom Free-Interrail-Ticket ist spürbar

Ohne Zweifel die Europäische Union befindet sich seit einigen Jahren in einer tiefen Krise. Europäer sind immer weniger überzeugt von ihrer Union. Die Verbindung zwischen politischer Führungsebene und EU-Bürgern stagniert. Mit der Möglichkeit des kostenlosen Interrail-Tickets würden Jugendliche tatsächlich so etwas wie eine „positive Nachricht“ von den Organen der Union erhalten. Vor allem Jugendliche aus finanziell schwächeren Haushalten würden eine besondere Möglichkeit bekommen, ihren Kontinent zu erforschen. Aber viel entscheidender ist: Die Jugend Europas würde gleichbehandelt werden. Chancengleichheit pur – auf dem Papier zumindest. Aber einige Fragen gibt es dann doch zu beantworten.

 

Free Interrail auf dem Prüfstand

So frisch und innovativ die Idee wirkt, so muss sie auch auf Herz und Nieren geprüft werden. Die Frage, die sich stellt: Würde wirklich jeder von Free Interrail profitieren? Wer bereits mit dem Interrail-Zugticket Europa bereist hat, weiß: Interrail ist teuer. Unterkunft, Verpflegung und Extrazugtickets, um schnellere Verbindung à la ICE, TGV zu buchen, summieren sich schnell. Jugendliche aus weniger privilegierten Familien mit weniger finanziellen Ressourcen hätten spürbar weniger Möglichkeiten als Privilegierte, sodass eine Europareise mit dem Ticket nicht wirklich für jeden realisierbar wäre.

Ebenso sollte der finanzielle Aspekt eine Rolle spielen. Die Rechnung lautet wie folgt: Circa 5,5 Millionen Menschen würden Jahr für Jahr einen 400-Euro-Interrail-Pass zugeschickt bekommen. Somit würden sich circa 2,2 Milliarden Euro an Kosten ergeben, welche aus EU-Mitteln finanziert werden sollen – vorausgesetzt, jeder junge Europäer würde den Gutschein einlösen. Im Höchstfall müsste die Union, laut den beiden Aktivisten, 1,5 Prozent des Gesamthaushalts der EU investieren. Einerseits sollte es klar sein, dass Free Interrail Hunderttausenden Jung-Europäern die Chance einräumt, Menschen des Kontinents näher zusammenzubringen. Andererseits sollte es jedem bewusst sein, dass InterRail ein privates Unternehmen mit Sitz in den Niederlanden ist und nicht alle Staaten auf dem Kontinent, ja nicht einmal alle EU-Mitgliedstaaten, abdeckt. Zwar nehmen die bedeutendsten Bahngesellschaften der meisten europäischen Länder teil, aber Eisenbahnnetze aus beispielsweise Albanien oder allen baltischen Staaten sind nicht involviert. Es stellt sich somit die Frage, ob es finanziell legitim ist, einem einzelnen Unternehmen so viel Geld aus dem Haushalt der EU zu geben. Auch müssten sich Kommission und Mitgliedstaaten die Frage gefallen lassen, ob sie das viele Geld nicht für andere Projekte sinnvoller ausgeben könnten. Darüber hinaus ist es zweifelhaft, ob die Bahngesellschaften die logistischen Herausforderungen durch die Millionen zusätzlichen Bahnfahrer überhaupt stemmen können.

Denn die erlebte Reiseerfahrung wird trotz aller genannter Vorteile immer limitiert sein. Es gibt letztendlich keinen konkreten Plan, keine Verbindung zu irgendwelchen kulturellen und bildungsfördernden Projekten. Die Jugendlichen leben nicht im Ausland, ergründen also nicht wirklich fremde Kulturen oder lernen eine neue Sprache wie mit dem Erasmusprogramm.

Die EU-Gelder könnten somit vielleicht effektiver in Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit investiert werden (Stichwort: Jugendgarantie der EU). Ebenso könnte die europaweite Schulabbrecherquote weiter reduziert werden, welche derzeit bei etwas über zehn Prozent liegt. Zudem muss hinterfragt werden, ob eine einmonatige Zugreise durch Europa wirklich spürbar die Vorzüge der Union jenseits der offenen Grenzen aufzeigt.

 

#FreeInterrail – Mehr als nur ein Anfang

Der Ruf nach Brüssel: „Lasst junge Menschen auf die Reise gehen!“, sorgte bundes- und europaweit für Schlagzeilen. Die Idee, junge Europäer im Sinne der europäischen Integration auf Reisen zu schicken, erscheint auf den ersten Blick sinnvoll. Doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass „Free Interrail“ lediglich nur an der Oberfläche des Phänomens einer europäischen Identität kratzt. Gleichzeitig zeigt #FreeInterrail auf, dass die Europäische Union grundsätzlich empfänglich für neue Ideen ist.

Trotz der Unsicherheit, ob der Vorschlag von Speer und Herr am Ende wirklich in irgendeiner Form umgesetzt wird, sowie der Frage, ob #FreeInterrail wirklich geeignet ist, um eine Brücke zwischen den EU-Organen und den europäischen Bürgern zu schlagen, treiben die beiden Aktivisten mit #FreeInterrail eine zentrale Frage weiter an: Was ist unser gemeinsames europäisches Bewusstsein, unsere gemeinsame europäische Identität? Und was ist sie uns wert? Es mag paradox klingen, aber die Stärken und Schwächen der Europäischen Union liegen in gewisser Weise nah beieinander – gerade in Bezug auf die Bildung einer europäischen Identität. Nur wenn die Vorzüge Europas für Europäer nicht zur Selbstverständlichkeit verkommen, wenn aus der Nutzwerte-Union, eine Werte-Union wird, nur dann kann eine europäische Identität wachsen. Ideen wie #FreeInterrail könnten dabei helfen, den Grundstein für genau diese gemeinsame Identität zu legen.

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