Marine mag Kätzchen

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Die Populistin und Nationalistin Le Pen führt bisher einen höchst erfolgreichen Wahlkampf und liegt seit Monaten in den Umfragen vorne. Der Einzug in die Stichwahl scheint ihr damit kaum noch zu nehmen. Ein Grund für ihren Erfolg ist ihr innovativer Umgang mit den sozialen Medien.

Katzen und Pferde

Oberflächlich betrachtet mutet Marine Le Pens Auftritt in den sozialen Medien ziemlich konservativ an. Man findet Fotos von Wahlkampfauftritten, Redeausschnitte und Links zu Medienbeiträgen. Auf Twitter dasselbe. Kein Hinweis auf irgendeine verborgene, geniale Social Media-Strategie, die sich grundlegend von derjenigen der übrigen Kandidaten unterscheiden würde. Doch der erste Eindruck täuscht wie so häufig, und schon nach wenigen Minuten auf den Online-Auftritten der Kandidatin des Front National bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon, welche Bedeutung die sozialen Medien für ihren Wahlkampf haben.

Da sind zunächst die keineswegs innovativen, aber höchst effektiven Inhalte, die ganz offensichtlich an das Publikum der jeweiligen Netzwerke angepasst wurden. Offensichtlichstes Beispiel ist ein vierminütiges Katzenvideo Le Pens. Erstaunlicherweise scheinen sich 1,6 Millionen Menschen, so viele haben nämlich das Video angeschaut, stark für Tierrechte zu interessieren, denn davon spricht Le Pen in dem Video. Oder der Clip ist einfach nur optimal auf die Zielgruppe bei Facebook zugeschnitten und erreicht viele Leute, die sich eigentlich gar nicht für Le Pens Tierpolitik, sondern vielmehr für süße Kätzchenvideos interessieren. Ich vermute Letzteres…

Nun sind Katzenvideos nichts Neues und bestimmt nicht der Schlüssel zum Wahlerfolg des Front National in der Wahl am 23. April. Solche Erfolge verdeutlichen jedoch die enorme Breitenwirkung, die Le Pens Internetwahlkampf erzielt. Ähnlich eindrucksvoll sind die schieren Zahlen, die Le Pen vor allem via Facebook und Twitter erreicht: Jeweils 1,3 Millionen Menschen folgen ihr in den sozialen Kanälen und kriegen tagtäglich ihre Wahlwerbung präsentiert, durch Liken, Teilen und Kommentieren dürfte sich die Zahl der erreichten Personen vor allem bei Facebook noch einmal deutlich erhöhen. Damit liegt Le Pens vordergründig biederer Auftritt in den sozialen Medien deutlich vor dem der Konkurrenz, die allesamt hunderttausende Menschen erreichen, aber weit entfernt sind von ihren 1,3 Millionen. Emmanuel Macron beispielsweise, momentaner Hauptkonkurrent Le Pens, kommt bei Facebook auf 250.000 Likes, bei Twitter auf 600.000.

Vermutlich ist die anfangs erwähnte Biederkeit von Le Pens Facebookauftritt sogar pure Absicht und Grundlage für ihren Online-Erfolg, inszeniert sie sich doch als Anti-Establishment-Kandidatin und als Frau des Volkes. Dass sie genauso wie die übrigen Kandidaten den üblichen Karriereweg über die mächtigen Eliteuniversitäten gegangen ist: Unerheblich. Wichtig ist nicht die Wahrheit, sondern lediglich, was die Leute denken und vor allem fühlen. Und so zeigt sich Le Pen bevorzugt inmitten normaler Leute, auf den Marktplätzen, in den Kirchen und den Turnhallen der Republik. Am liebsten jedoch macht sie Videos mit Tieren. Neben Katzen scheinen ihr Pferde besonders am Herzen zu liegen, und so gibt es Videos von einem Bauernhof aus dem Pferdestall und von einem Reitturnier. Diese Selbstinszenierung kommt offenbar gut an bei ihrer Zielgruppe und kann als Kern ihres gesamten Wahlkampfes jenseits aller Inhalte, sei es Islamhass, Anti-EU-Populismus oder wirtschaftlicher Protektionismus, angesehen werden: Ich bin’s Marine, und ich bin so wie Du.

Hashtags

Neben der Selbstinszenierung als Vertreterin des Volkes hat der Front National über viele Jahre weitere, subtilere Strategien im Onlinewahlkampf entwickelt und perfektioniert. Die wahre Stärke des Front National liegt nämlich meiner Meinung nach nicht darin, mit den offiziellen Accounts der Spitzenkandidaten Millionen von (potenziellen) Wählern zu erreichen, sondern in einer beispiellosen Dominanz des politischen Diskurses im Internet. Schon Tage nach der überraschenden Wahl Fillons zum Spitzenkandidaten der konservativen Republikaner etablierte der Front National den Hashtag #LeVraiFillon, Der wahre Fillon, unter dem verschiedenste offizielle und inoffizielle Front National-Kanäle angeblich verschwiegene oder vergessene Wahrheiten über den damaligen Favoriten veröffentlichten, seien es Fernsehzitate aus seiner Zeit als Premierminister oder klitzekleine Auszüge aus Zeitungsinterviews oder Büchern, die Fillon, vor allem in Bezug auf innere Sicherheit, Asyl und Migration, in einem schlechten Licht erscheinen lassen sollten.

Die Richtigkeit dieser vermeintlichen Enthüllungen spielt dabei kaum eine Rolle, vielmehr ging es darum, den Diskurs über Fillon und die über ihn erscheinenden Tweets und Posts negativ einzufärben. Fillon sollte ganz einfach mit negativen Wörtern und Themen assoziiert werden. Nachdem Fillon aufgrund zahlreicher Affären zunehmend ins Abseits geraten ist und mit dem unabhängigen Macron ein neuer Hauptkonkurrent auf der Bildfläche erschienen ist, hat der Front National nun nach demselben Muster den Hashtag #LeVraiMacron etabliert. Zwar ist es Le Pen und ihren Mitstreitern bisher noch nicht gelungen, den politischen Diskurs über Macron generell negativ einzufärben, aber der Wahlkamf ist ja noch lang. Und dass sich eine Dominanz des Onlinediskurses letztlich auch an der Wahlurne niederschlagen kann, hat spätestens die Wahl von Donald Trump in den USA gezeigt.

Fakeaccounts

Sowohl die Katzenvideos als auch die vielen Hashtags lassen sich im Zweifel noch klar einzelnen FN-Funktionären oder zumindest der Partei als Ganzes zuordnen. Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn man den engen Kreis der offiziellen Partei- und Politikeraccounts verlässt und sich dem viel weiteren Kreis der FN-Unterstützer zuwendet. In diesem Dunstkreis, angesiedelt in der Grauzone zwischen offiziellen Parteipositionen und Einzelmeinungen von Unterstützern, spielt sich die Hauptarbeit des Front National in den sozialen Medien ab.

Über tausende von Accounts werden die Botschaften der offiziellen Accounts verbreitet, zugespitzt und verstärkt. Zusätzlich entstehen eigene, wesentlich fragwürdigere und bösartigere Kampagnen in dieser Grauzone. Eine Zuordnung zu konkreten Politikern ist häufig nicht möglich, was der Breitenwirkung dieser Kampagnen jedoch keinen Abbruch tut. So entstanden etwa in den letzten Monaten zahlreiche Fakeaccounts, in denen Le Pens Konkurrenten mit islamisch klingenden Vornahmen versehen und ihre Positionen ins Lächerliche gezogen wurden. Diese ziemlich simple Verleumdungsstrategie war wochenlang Thema in den französischen Medien und obwohl eine Verbindung zum Front National vermutet wurde, konnte sie nie zweifelsfrei belegt werden.

Nun kann man Le Pen nicht sämtliche Statements und Aktionen ihrer Unterstützer pauschal zum Vorwurf machen. Doch die Präsidentschaftskandidatin hat selbst in einem Interview betont, dass für sie im Wahlkampf alles legitim sei, was nicht klar illegal ist. Und so nehmen die Schmutzkampagnen in den sozialen Medien, die sich momentan vor allem gegen Macron richten, weiter zu, ohne dass Le Pen sich selbst die Finger schmutzig machen müsste.

Reicht die Onlinedominanz für den Wahlsieg?

Es ist schon erstaunlich, wie eine Rechtsaußenkandidatin derart dominant in den sozialen Medien erscheinen kann. Die enorme Reichweite ihrer Wahlkampfbotschaften hilft Le Pen mit Sicherheit dabei, ihr Kernklientel bei der anstehenden Wahl zu mobilisieren und zu motivieren. Zu dieser Vermutung passt auch die Beobachtung, dass Le Pen in den Umfragen seit Monaten stabil bei etwa 26% der Stimmen im ersten Wahlgang liegt, ungeachtet der zahlreichen Skandale um ihre Person und ihre Partei, die an ihr abzuperlen scheinen.

Die Populistin hat es geschafft, eine alternative Öffentlichkeit für ihre Botschaften zu etablieren. Und egal, wie die Präsidentschaftswahl ausgehen wird, diese Öffentlichkeit wird weiter bestehen und auch in den nächsten Jahren eine echte Machtbasis darstellen. Gleichzeitig könnte die Geschlossenheit des FN-Universums aber auch zum Problem im zweiten Wahlgang werden, wenn es für Le Pen darauf ankommen wird, über ihre Kernwählerschaft hinaus Stimmen zu erhalten. Dann könnte die Gegenöffentlichkeit, die der Front National in den sozialen Medien aufgebaut haben, und die Aggressivität vieler (in-)offizieller FN-Onlinekampagnen ein Hemmnis sein bei der Ansprache der gemäßigteren Wählerschichten.

Man darf sich jedoch sicher sein, dass sich der Front National dieser Probleme bewusst ist. Die Hashtags, die Onlineschmutzkampagnen und die damit angestrebte Demobilisierung der gegnerischen Lager könnte auch dazu führen, dass die Wahlbeteiligung in der Stichwahl extrem niedrig liegt, was wiederum Le Pen mit ihrer hochmobiliserten Wählerschaft in die Hände spielen würde. Denn selbst wenn in einer hypothetischen Stichwahl Macron die Mehrheit der Franzosen hinter sich wüsste, müssten trotzdem der gleiche Anteil der generellen Macron-Anhänger auch wirklich zur Wahl gehen und für ihn stimmen wie es die Front National-Anhänger für Le Pen tun werden. Ansonsten könnten vielleicht auch 45% Unterstützung in der Gesamtbevölkerung reichen, um in den Präsidentenpalast einzuziehen.

1 Kommentar

  1. Der Grundthese, dass Marine Le Pen in den sozialen Netzwerken erfolgreicher ist als En marche, PS und Les Republicains, kann ich durchaus zustimmen. Es gibt aber eine Plattform, wo nicht Le Pen innovativ und dominant war, sondern der linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon: YouTube. Sein Kanal hat fast 300.000 Abonnenten, die “La France Insoumis” Fans sind dort durchaus aktiver als Le-Pen-Fans (die dort auch oft nicht mal Franzosen sind, sondern auch mal Trump-Fans aus dem Ausland). Den Erfolg hat die Nummer zwei des Front National, Florian Philippot, versucht zu kopieren. Aber eher kläglich.

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