Das große übernatürlich Andere in den Medien

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Die FlüchtlingsWELLEN und -STRÖME, die uns überschwappen, sind unaufhaltbar, erklären uns viele Berichte in bekannten Medien Deutschlands. Anfang August dieses Jahres deklarierten die Deutschen Medien ihre eigene Berichterstattung als zu einseitig, ja zu positiv und sogar verschönernd, gegenüber Flüchtlingen. Hierbei wurde auf einen Zwischenbericht einer Studie der Media School Hamburg verwiesen. Dieser Artikel wird eine Gegenposition einnehmen und auch genau erklären wie deutsche Medien das „Andere“, nicht westliche, in Berichten über die Flüchtlingskrise darstellen und wie daraus Angst und eine antieuropäische Haltung entsteht.

Medien dienen als Kommunikationsweg zwischen Politik und Gesellschaft. Sie sollen helfen die neuen Beschlüsse und Ansichten der Politiker zu verbreiten, aber auch die Meinung der Wähler aufzeigen. In kontroversen und umstrittenen Zeiten ist dies um so wichtiger. Dass Medien dabei nicht immer neutral sind, bleiben können und manchmal auch nicht wollen, ist jedem verständlich. Hingegen kann es nicht als legitim gelten, wenn eine ganze Bevölkerungsgruppe dabei in ein gewisses Licht gerückt wird. Insbesondere, wenn dieses die Wirklichkeit verzerrt.

Dies ist kein Artikel für oder gegen Flüchtlinge, kein Artikel, der Medien oder Politiker schlecht reden soll. Nein. Dies ist ein Artikel der uns helfen soll, uns selbst zu hinterfragen und zu reflektieren, denn Fremdenhass entsteht nicht in der Fremde, sondern in uns selbst. Das sah auch Edward Said, ein amerikanischer Sprachwissenschaftler mit palästinensischen Wurzeln. Er stellte die Theorie des „Orientalismus“ auf. Sie behauptet, dass wir uns selbst darüber definieren wie wir nicht sind. Ich bin nicht ordentlich, also bin ich chaotisch. Eine Theorie, die viele bereits in der Praxis angewandt haben und aus deren Folgerungen heraus schon Kriege geführt wurden. Edward Said geht aber einen Schritt weiter und präzisiert diese Theorie angewendet auf eine bestimmte Region, die unter diesem Dogma oft zu leiden hatte.

Der Orient, das Morgenland. Aber, was ist das eigentlich? Die Region von Marokko bis nach Japan? Nordafrika? Nordafrika und Westasien? Das frühere Osmanische Reich?

Meistens werden mit diesen Begriffen die Regionen Nordafrika und Westasien gemeint. Aber es geht hier nicht um einen Wissensmangel in Geographie. Das Problem besteht, laut Said, darin, dass wir die Länder in dieser Region über einen Kamm scheren, Generalisieren und Ent-personalisieren. Alle diese Länder sind muslimisch, ausschließlich Muslime kommen aus dieser Region. Alle diese Länder sind unterentwickelt, nur ungebildete Menschen kommen aus dieser Region. Alle diese Länder sind gefährlich, nur Barbaren, Räuber und Terroristen kommen aus dieser Region. Das ist nicht, was uns Medien sagen. Das ist nicht, was wir in der Schule lernen. Und es ist auch nicht das, was Politiker verkünden. Nein! Orientalismus ist nicht geschrieben, sondern eher das was entsteht, wenn man versucht eine Lücke zu füllen. Eine Assoziation. Alles was wir über diese Region glauben zu wissen entsteht aus den Löchern zwischen den verschiedenen Nachrichten, Fakten und Informationen. Wir haben keine Zeit und wahrscheinlich auch keine Lust uns ausführlich mit jedem Land, jeder Gesellschaft und Politik einer jeden Region der Welt zu beschäftigen; und das ist auch in Ordnung so. Jedoch hat uns das Assoziieren und Lückenfüllen in Bezug auf die Nordafrikanische und Westasiatische Region in die Irre geführt.

Ein Beispiel hierfür ist die Aussage Gerhard Schröders (zitiert in der Tagesschau des 9ten Septembers 2001 über den Terrorangriff in New York): “(…) diese abscheulichen Taten war eine Kriegserklärung an die ganze zivilisierte Welt.“ Das ist keine Kritik an der Tagesschau und auch keine an Gerhard Schröder, sondern eine Kritik an unserer Wortwahl und an unserem schlussfolgernden Denken. Unser Ex-Kanzler wollte sich einfach und verständlich ausdrücken. Jedoch ist seine Aussage bei genauerer Betrachtung mehr als unverständlich. Wir müssen uns fragen: wer ist die zivilisierte Welt? Und vor allem, wer ist die unzivilisierte Welt? Und das aller Wichtigste: seit wann gibt es zwei Welten? Natürlich, handelt es sich hierbei um politische Korrektheit oder Unkorrektheit, natürlich ist das Korinthen-Kackerei…

Aber dieses Bild wird aufrechterhalten, weitergeleitet und weitverbreitet. Es existiert eine fortschrittliche, gebildete sowie moderne Welt und eine Andere.

Ich definiere mich darüber, was ich nicht bin. Du bist schlussfolgernd nicht das, was ich bin. Das haben wir geklärt. Genau das wird zum Problem in Zeiten der Flüchtlingskrise. Nachrichten berichten nicht einseitig; ja ich glaube sogar die Studie der Hamburg Media School ist begründet und bringt nicht von der Hand zu weisende Ergebnisse: Empirisch gesehen wird Deutschlands führende Partei (CDU) in deutschen Zeitungen am öftesten rezitiert und somit auch der Slogan: “Wir schaffen das.“ Auch sind Zahlen in Zeitungen meist keine Lüge. So ist es wahr, dass in den letzten Jahren über eine Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und ja, die meisten davon sind Männer. Aber die zur Beschreibung der Zahlen benutzten Wörter sind trotzdem mal zu überdenken.

Sind Begriffe wie Flüchtlingswelle oder –flut nicht sehr unglücklich gewählt, da Wellen und Fluten etwas Unaufhaltbares sind und meist großen Schaden anrichten? Klingt „in Naher Zukunft werden unter 80 Deutschen 1 Flüchtling wohnen“ nicht um einiges freundlicher als „ich, der Leser allein, werde überrannt von ca. 1.000.000 Menschen“? Konzentrieren sich die deutschen Medien nicht zu sehr auf eine Europäische Lösung, beziehungsweise auch auf die Frage: Was wollen wir mit all diesen Menschen anfangen?

Letzteres führt uns zu einem weiteren Punkt: Laut eines Berichts der Vereinten Nation über die Repräsentation der Flüchtlingskrise in nationalen Medien fokussieren sich deutsche Medien in Vergleich zu anderen Europäischen Ländern meist auf die Situation im eigenem Land, anstatt das Problem bei den Wurzeln zu packen. Es geht vielmehr darum zu klären, was man mit diesen ungeschulten Menschen anfangen soll, als das Problem in Syrien, in Jemen, in Afghanistan oder Eritrea anzupacken. Es wird vergessen, dass dies keine türkischen oder italienischen Gastarbeiter sind, die freiwillig zu uns kamen um zu arbeiten und sich zu integrieren. Es wird vergessen, dass diese Menschen flüchten und nein das Argument, dass sie auch in ihr Nachbarland hätten flüchten können, zählt nicht. 9 von 10 Flüchtlingen weltweit leben in Entwicklungsländern. In Osteuropäischen Ländern oder in Ländern wie Ägypten oder auch Marokko sind Flüchtlingsheime überlaufen, unterversorgt und auch sonst in einem schrecklichen Zustand. Ein Flüchtling weiß, dass er sein Land nicht verlässt um kurz Urlaub zu machen. Ein Krieg kann sich über Jahre hinweg ziehen und nicht nur der Krieg sondern auch die Situation danach, abhängig vom „Gewinner“ sowie den finanziellen Mitteln, ist unsicher. Deutschen Medien ignorieren all diese Faktoren. Berichte über Herkunftsländer sind rar. Berichte über die tatsächlichen Strategien Deutschlands in Krisengebieten sind vielleicht mal auf der letzten Seite der Zeitung auffindbar. Auf der ersten Seite werden andauernd die Worte der Kanzlerin wiederholt: „Wir schaffen das“. Aber eigentlich nicht „wir“, sondern die Europäische Union. Diese soll eine Lösung finden.

Zusammenfassend, kann man behaupten, dass sich die deutschen Medien zwar positiv zur Krise äußern, weil eben unsere Kanzlerin positiv bleibt und weil es ja auch bei einem Flüchtling zu 80 Einwohnern keinen Grund zur Panik gibt. Zudem sei die Krise auch Aufgabe der Europäischen Union. Wobei natürlich auch vergessen wird, dass wir ein Teil der Europäischen Union sind. Das Problem liegt im Orientalismus unserer Köpfe. Das große Unbekannte, ja Barbarische, überrollt uns und wir sind machtlos. Sowieso geht es ja nur um uns und nicht wirklich um die Problemquellen. Denn was wissen wir schon, was im Orient tatsächlich passiert? War ja noch nie jemand dort, in diesem unbekannten Land zwischen Marokko und Japan?

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/studie-wie-ueber-fluechtlinge-berichtet-wurde-14378135.html

http://www.media-diversity.org/en/additional- files/UNHCR_Cardiff_University_Report_on_EU_Press_Migrants_Coverage_201415.pdf

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