„Pulse of Europe gewinnt in Frankreich an Interesse“

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Wir haben mit Beatrice Angrand gesprochen, Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Die Themen reichten dabei von der anstehenden Stichwahl der französischen Präsidentschaftswahlen über die politische Partizipation französischer Jugendlicher bis zu Pulse of Europe und einem drohenden Frexit, den sie für unwahrscheinlich hält.

Frau Angrand, Sie sind Generalsekretärin des deutsch-französischen Jugendwerks. Könnten Sie sich und das Jugendwerk kurz vorstellen?

Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) ist eine internationale Organisation im Dienst der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Die Gründung des DFJW geht auf den Freundschaftsvertrag, den „Elysée-Vertrag“, von 1963 zurück. Unsere Aufgabe ist es, die Verbindungen zwischen jungen Menschen in Deutschland und Frankreich auszubauen und ihr Verständnis füreinander zu vertiefen. Ich bin seit 2009 Generalsekretärin, seit 2012 an der Seite von Markus Ingenlath, meinem deutschen Pendant. Gemeinsam repräsentieren wie das DFJW und setzen uns dafür ein, internationale Mobilität für alle jungen Menschen zu öffnen, auch außerhalb von Deutschland und Frankreich. Dabei versuchen wir besonders Jugendliche zu erreichen, die bis jetzt keinen Zugang zu Austauschprogrammen hatten, und für die Europa bisher nur ein abstraktes Konzept war.

2017 ist ein besonderes Jahr für Deutschland und Frankreich, in beiden Ländern wird gewählt. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten sehen Sie in der Wahrnehmung dieser Wahlen und des Wahlkampfs?

Zunächst muss man beachten, dass das deutsche und das französische Wahlsystem sehr verschieden sind: die Franzosen wählen ihr Staatsoberhaupt direkt, und in einem zweiten Wahlgang stehen sich die zwei stärksten Kandidaten direkt gegenüber. Das führt zu einer starken Bindung an die Personalie – die Skandale und Polemiken der letzten Wochen haben das leider stark zum Ausdruck gebracht. Da wurde mit harten Bandagen gekämpft, und nicht selten frontal angegriffen. In Deutschland besteht aktuell eine große Koalition, das dämpft die Töne schon etwas. Aber man kann beobachten, dass auch hier, trotz des indirekten Wahlsystems, die Persönlichkeit der Kandidaten eine immer größere Rolle zu spielen scheint. Das wird deutlich werden, wenn der Wahlkampf hier in die heiße Phase geht.

Im Französischen Wahlkampf werden immer mehr anti-deutsche Stimmen laut. Was denken die Franzosen wirklich von ihren Nachbarn?

Tatsächlich wurden in diesem Wahlkampf wieder anti-deutsche Ressentiments laut, die in den letzten Jahren selten so deutlich zu spüren waren. Viele Franzosen sind verunsichert von der schon lang andauernden Krise in Frankreich, für die gerade die populistischen Kandidaten der extremen Parteien schon immer gerne die Globalisierung, das Ausland und speziell die Europäische Union verantwortlich machen. Deutschland hat eine konstant niedrige Arbeitslosenquote und eine florierende Wirtschaft, Frau Merkels Einfluss in Europa ist groß – da ist es leicht, das Nachbarland zum Sündenbock zu machen, gerade, da viele Stereotypen den Deutschen gegenüber auch über 70 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs noch sehr präsent sind. Sicherlich gibt es auch Teile der Bevölkerung, die sich davon beeinflussen lassen. Dennoch nehmen wir gerade bei jungen Menschen vor allem eine große Nähe und Zuneigung zum Nachbarland wahr, erst neulich hat eine Studie des CSA-Instituts das gezeigt: 81% der Jugendlichen zwischen 18-24 gaben an, ein positives Bild von Deutschland zu haben.

Fast 30 Prozent der unter 35-Jährigen in Frankreich sind im ersten Wahlgang gar nicht zur Wahlurne gegangen. Ist das ein französisches Problem? Wie sehen Sie die Situation im Vergleich zu Deutschland?

Ich denke, die jungen Menschen in Frankreich fühlen sich übergangen im politischen Prozess, und die wirtschaftliche Unsicherheit ihrer Zukunft macht vielen von ihnen Angst. Die Frustration, die dabei entsteht, ist auch in anderen europäischen Ländern zu spüren, und hat andernorts wie auch in Frankreich zu vielen Enthaltungen geführt. Ebenso besorgniserregend ist, dass viele junge Wähler extrem gestimmt haben im ersten Wahlgang – von den 18- bis 24-Jährigen haben 30 Prozent für den Linkspopulisten Mélenchon gestimmt und 21 Prozent für die Rechtspopulistin Le Pen. Allerdings stellen wir gegenläufige Tendenzen fest, wenn man auf das zivilgesellschaftliche Engagement der Jugendlichen schaut, das das DFJW auch fördert: viele von ihnen engagieren sich jenseits der offiziellen Parteien, im Freiwilligendienst oder im Ehrenamt. Man könnte vielleicht sagen, dass die Art der politischen Teilhabe sich geändert hat. Das sollte stärker anerkannt werden, um den jungen Menschen wieder einen Platz im politischen System zu schaffen.

Das DFJW fördert das Engagement junger Menschen in Deutschland und Frankreich. Gerade im Wahljahr 2017 sind Sie mit Sicherheit besonders aktiv. Können Sie vielleicht ein konkretes Projekt vom DFJW im Zusammenhang mit den Wahlen vorstellen?

Ja, es ist uns ein wichtiges Anliegen, Jugendliche für Ihre Verantwortung im politischen Entscheidungsprozess und ihre Möglichkeiten zur Teilhabe zu sensibilisieren! Da ergeben sich durch die deutsch-französische Zusammenarbeit große Potentiale, von den Erfahrungen der anderen zu profitieren und Synergien zu schaffen. Das sieht man beispielsweise an den BarCamps, die wir in Zusammenarbeit mit dem jungen Verein Vote&Vous und der bpb organisiert haben: In zwei Workshops kommen 60 junge Erwachsene zusammen, die in innovativen Projekten der politischen Bildung in Frankreich und in Deutschland engagiert sind. Ziel ist es, sich über ihre Arbeit auszutauschen. Die Teilnehmer bringen ihre Erfahrung ein, um die Herangehensweisen und Praktiken in den beiden Ländern miteinander zu vergleichen. Langfristig kann so ein ergiebiges Netzwerk, eine Art junge Denkfabrik zur politischen Bildung entstehen.

Gerade in Deutschland gehen immer mehr Menschen für Europa und den Verbleib Frankreichs in der EU auf die Straße. Wie wird Europa von den Franzosen momentan wahrgenommen? Wird Pulse of Europe auch dort an Boden gewinnen?

Das ist ein ganz tolles Signal, dass da gerade aus Deutschland kommt! Auch in Frankreich gewinnen die Kundgebungen immer mehr Interesse und Aufmerksamkeit, ich kann mir gut vorstellen, dass das Konzept auch hier viele Anhänger finden kann. Ich selbst habe an einer Kundgebung in Paris teilgenommen und war bewegt vom Einsatz und der Begeisterung, die dort herrschten. Noch ist die Bewegung relativ klein hier, aber nach den Fotos aus anderen französischen Städten und den schnell wachsenden Initiativen zu schließen, ist das erst der Anfang!

Leute in Deutschland haben seit dem 10. April angefangen zu demonstrieren, um die Franzosen darum zu bitten in der Europäischen Union zu bleiben. Erregt ein Frexit, den mehrere Kandidaten befürworten, Besorgnis in Deutschland?

Ich nehme schon wahr, dass in Deutschland und in anderen Ländern Europas die Menschen mit Sorge auf die extrem rechte Kandidatin Marine Le Pen sehen, die nun im zweiten Wahlgang steht. Auch in Frankreich bereitet das vielen Kopfzerbrechen. Doch ich bin überzeugt, dass die Bürgerinnen und Bürger Frankreichs keinen Frexit wollen – wir sind, historisch und gesellschaftlich gesehen, zutiefst mit Europa und der europäischen Idee verbunden. Denken Sie nur an die vielen jungen Menschen, die mit offenen Grenzen und internationaler Mobilität  aufgewachsen sind! Ich bin voller Hoffnung, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird –  doch die aktuelle Diskussion zeigt, dass wir wachsam bleiben müssen und die so mühsam erkämpfte europäische Einheit nicht für selbstverständlich nehmen dürfen.

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